| Es ist verrückt. In der
Schweiz wird inzwischen jede zweite Ehe geschieden. Das schreckt
aber offenbar nur wenige ab. Denn nach wie vor schliessen
jedes Jahr rund 40 000 Paare den Bund fürs Leben. Und
wirklich verrückt: Die meisten Bräute und Bräutigame
glauben dabei an das ewige Glück zu zweit. Sie starten
einen Blindflug, obwohl sie eigentlich wissen müssten,
dass der Absturz programmiert ist.
Namhafte Ehetherapeuten bestätigen den paradoxen Befund.
Der Berner Klaus Heer, seit 35 Jahren im Geschäft mit
scheiternden Beziehungen, benutzt einen schonungslosen Vergleich:
«Wenn man sich lustvoll einer Mahlzeit hingibt, kümmert
man sich nicht ums andere Ende des Verdauungskanals. Das ist
auch bei der romantischen Liebe so. Das Glück kann sich
das Unglück eben nicht vorstellen.»
Für das kopflose Verhalten verantwortlich ist die biologische
Beschaffenheit des Menschen, genauer das Hormon Phenylethylamin.
Es bewirkt einen Anstieg des Blutzuckerspiegels und hat eine
anregende Wirkung auf das Zentralnervensystem. In der märchenhaften
Startphase einer Beziehung ist es in rauen Mengen vorhanden.
Klaus Heer nennt es «das Verliebtheitshormon, das den
Verstand schwächt». Doch nach durchschnittlich
90 Tagen geht die Phase unweigerlich zu Ende. Was dann?
Dann kommt ein anderes Hormon ins Spiel, das Oxytozin. Es
dient der Erhaltung der menschlichen Spezies und wird bei
der Frau spätestens bei der Geburt des ersten Kindes
ausgeschüttet. Heer nennt es «das Hormon für
Bindung und Geborgenheit». Oxytozin ist zwar ebenfalls
ein Glückshormon, kannibalisiert aber zugleich definitiv
das Hochgefühl der romantischen Zweisamkeit. «Ein
Kind ist häufig so etwas wie ein Liebesterrorist»,
sagt Heer, «es bombt die Zweierbeziehung aus und macht
eine Familie daraus. Und meistens geht auch die Sexualität
zu Ende.» Für Väter und Mütter eine oft
erschütternde, aber kaum vermeidbare Erfahrung. Dennoch
wäre Fatalismus fehl am Platz, denn der Mensch ist nicht
zu hundert Prozent biologisch determiniert. Beweis dafür
ist die Tatsache, dass immerhin jede zweite Ehe nicht in die
Brüche geht. Das lässt zumindest hoffen. Und es
gibt Strategien, mit denen sich das Scheidungsrisiko vermindern
lässt.
Drei Regeln,
damit es klappt
Regel 1: Nie nur aus Liebe heiraten! Die
Vernunftehe hat grössere Erfolgschancen. Der amerikanische
Verhaltensforscher Robert Epstein nimmt sogar die arrangierten
Ehen asiatischer Länder zum Vorbild: Partner, die sich
zu Beginn ihrer Beziehung nicht restlos verfallen sind, haben
ein geringeres Absturzrisiko. Sie können sich aber trotzdem
lieben lernen, denn die Ehe ist trainierbar. Die gegenseitige
Wertschätzung kann wachsen und zu einer auch erotisch
erfüllten Beziehung führen. Dazu ist allerdings
meist harte Arbeit nötig. Wenn Fachleute beim Coaching
mithelfen, umso besser. «Damit eine Vernunftehe gelingt,
braucht es jedoch auch eine Portion Glück und bereits
zu Beginn einen gewissen Herzensanteil», ergänzt
Klaus Heer.
Regel 2: Sich nicht auf Partnerbörsen
im Internet verlassen! Die immense Auswahl im World Wide Web
täuscht vor, dass es einfacher sei, den richtigen Partner
zu finden, weil sich der Zufallsfaktor minimieren lasse.
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Das ist erstens eine Illusion, weil die Schnittmenge
von gemeinsamen Interessen ein zu simples Kriterium für
ein erfolgreiches Zusammenleben ist. Zweitens steigt der Druck,
den einzig wahren und idealen Partner zu finden (den es aber
nicht gibt). Für erfahrene Paartherapeuten sind Internetpartnerbörsen
hauptsächlich eine Form des Entertainments.
Regel 3: Hände und Augen weg von Pornos!
«Sie sind für die Männer ein Herz- und Hirngift
und machen guten Sex mit der Partnerin kaputt», sagt
Klaus Heer. Denn Pornos regen nicht etwa die Fantasie an,
sondern reduzieren sie auf das langweiligste Sex-Einerlei.
Männern, die zu viele Pornos schauen, fällt es schwer,
auf ihre Partnerin einzugehen und mit ihr eine erfüllte
Sexualität zu leben.
So weit drei Hauptregeln für eine Partnerschaft mit
Erfolgschancen. Weil die Psychologie keine exakte Wissenschaft
ist, sind auch sie von beschränkter Gültigkeit.
«Die Ehe ist und bleibt ein Mysterium», sagt Heer.
Mit Vorsicht zu geniessen sind auch die unzähligen Studien
und Statistiken zum Thema. Eine kleine Ausbeute sei dennoch
zitiert - als Ermutigung oder Richtschnur für all jene,
die das Wagnis Ehe trotz hoher Scheidungsrate eingehen.
Das sagt die
Statistik
Am höchsten ist das Scheidungsrisiko laut einer Zürcher
Studie von 2006 bei binationalen Ehen - besonders dann, wenn
die Frau Schweizerin ist. Von den 1994 geschlossenen Ehen
letzterer Art waren zehn Jahre später 75 Prozent wieder
geschieden. Stammen der Mann und die Frau aus der Schweiz,
beträgt die Scheidungsrate im gleichen Zeitraum lediglich
15 Prozent.
Wer heiratet, lebt länger. Dieses ermutigende Resultat
ergab eine Langzeitstudie in Kalifornien. Die Wissenschaftler
vermuten, dass Single früher ableben, weil sie sozial
eher isoliert sind und es an der Fürsorge durch den Partner,
erwachsene Kinder und Verwandte mangelt.
Rund die Hälfte der Geschiedenen heiratet wieder. Allerdings
sind die zweiten Ehen um zehn Prozent scheidungsanfälliger
als die ersten. Bei der dritten Ehe erhöht sich das Scheidungsrisiko
um weitere zehn Prozent. Dazu Klaus Heer: «Diese Leute
entwickeln sich offenbar zu Scheidungsprofis. Mit der Übung
verliert die Scheidung an Schrecken.»
Und nicht zuletzt: Das Modell einer Paarbeziehung, die das
Treueprinzip hochhält, widerspricht im Grunde der Lebenserwartung
heutiger Menschen. Um 1900 starb einer der Partner nach 15
Jahren, heute erst nach 50 Jahren.
Als Trost für all jene, die doch lieber kapitulieren,
als sich auf das Abenteuer Ehe einzulassen, sei zum Schluss
ein weiser Satz von Brigitte Bardot zitiert. Man wechsle zwar
die Ehemänner, aber nicht die Freunde, sagte die französische
Filmschauspielerin einmal. Das einstige Sex-Idol war viermal
verheiratet.
Der schönste Tag endet oft in der Sackgasse: Jede
zweite Ehe wird geschieden, doch das Risiko lässt sich
minimieren.
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