| Sex ist etwas Komisches. Er winkt
von den Plakatsäulen, lacht aus dem Fernseher, geistert
übers Internet. Er müsste eigentlich das Normalste
der Welt sein. Ist er aber nicht.
Sobald Sex da ankommt, wo er auch wirklich stattfindet, werden
wir ratlos. Wir können zwar miteinander schlafen, aber
miteinander darüber reden, nicht. Es ist uns peinlich,
gewisse Dinge anzusprechen. Die Scham, die wir im Alltag längst
abgelegt haben, ist in den Schlafzimmern omnipräsent.
Kein Geplänkel
«Natürlich ist es anspruchsvoll, über Sexualität
zu sprechen», gibt auch der renommierte Paartherapeut
Klaus Heer unumwunden zu, «aber es ist unerlässlich.»
Mit Heer zu sprechen ist seltsam. Der 64-Jährige spricht
unumwunden über Sex. Kein Geplänkel, kein Drumherum,
vollkommen direkt. Während des Gesprächs fallen
mehrere unschickliche Wörter, die – würden
wir sie an dieser Stelle erwähnen – einige erboste
Telefonanrufe nach sich ziehen würden.
Feiert das Erlebte!
«Wir sollten immer über unsere gemeinsamen sexuellen
Erlebnisse sprechen», betont Heer. «Vor allem
über die schönen Erlebnisse! Positive Bestärkung
ist immer gut.» Der Paartherapeut hat dafür einen
schönen Vergleich: «Geht man zu zweit ins Kino
oder ans Konzert, spricht man ja nachher auch direkt darüber.
Man feiert das Erlebte. Wir machen das überall, nur beim
Sex nicht.»
Eigentlich, so findet Klaus Heer, sollte man nie mehr miteinander
ins Bett gehen, ohne das Erlebte nachher in einem Gespräch
zu feiern. «Dies muss nicht sofort nach dem Sex sein.
Man kann das auch erst Stunden danach oder gar erst am nächsten
Tag machen. Wichtig ist vor allem, dass man darüber spricht
und dass das Gespräch genauso lustvoll ist wie das Liebemachen
selbst.»
Es soll nämlich nicht in ein Bilanzieren ausarten. «Darüber
sprechen heisst auch immer, dass man daran interessiert ist.
Interessiert am Partner, an unserer Sexualität. Das hält
uns als Liebespaar frisch und lebendig. Mit unserer Redseligkeit
bringen wir unsere Liebe zum Glitzern wie einen kostbaren
Diamanten.»
Vielleicht morgen
Über den erlebten Sex zu sprechen ist das eine, über
den gewünschten das andere. Wie bringe ich meinem Partner
oder meiner Partnerin meine Wünsche bei? Wie sage ich
es? Genau hier liegt doch oft das Problem im Schlafzimmer.
Die Antwort von Heer ist auf den ersten Blick etwas ernüchternd:
«Es ist doch noch lange kein Problem, wenn ich einen
Wunsch habe, den meine Partnerin nicht erfüllen kann
oder will. Zum Problem wird es erst, wenn es uns nicht gelingt,
unsere sexuellen Wünsche auf einen gemeinsamen Nenner
zu bringen, indem wir uns mutig zeigen und liebevoll miteinander
verhandeln.»
Heer schliesst nicht aus, dass Paare im Laufe der Zeit neue
Arten der Sexualität entdecken können: «Wenn
ich meiner Partnerin in einer schwachen Liebesstunde schwöre,
dass ich unbedingt mit ihr alt werden möchte, dann muss
ich mir auch bewusst sein, dass wir ja noch ganz viel Zeit
vor uns haben. Es gibt keinen Grund, Gas zu geben oder Druck
aufzusetzen, es muss ja nicht subito passieren. Vielleicht
trauen wir uns morgen Dinge auszuprobieren, die wir gestern
noch nicht zu äussern gewagt hätten.»
Sex blüht nur aus Lust
Langsam und Schritt für Schritt müsse man vorgehen:
«Wenn man jemanden abgeschleppt hat, darf man sicher
nicht gleich am ersten Abend seine abartigen Spezialwünsche
offenbaren.» Auch hier wieder: sagen, was einen erregt,
fragen, was dem anderen gefällt. Und natürlich könne
man einander unmöglich alle Wünsche erfüllen.
«Sexualität blüht nur aus Lust, nie unter
Zwang. Es gibt keinen Anspruch auf sexuelle Grundversorgung.
Auch nicht in der Ehe», sagt Heer.
Deshalb ist das wichtigste Wort beim Sprechen über den
gemeinsamen Sex: nein. «Gerade für junge Frauen
muss nein das wichtigste Wort sein. Oft haben sie eine Tradition
von ihren Müttern und Grossmüttern übernommen,
die ihnen dieses Nein nicht erlaubt. Sie haben gelernt, die
Wünsche der Männer zu erfüllen.» Mache
eine Frau gegen ihren Willen alles mit, was der Mann will,
sei dies eigentlich nichts anderes als «Selbstbefriedigung
des Manns an seiner Frau».
Bedeutet ein Nein aber nicht schon das Scheitern des Gesprächs?
Blockiert dies nicht die Kommunikation? Heer verneint. «Im
Gegenteil, ein Nein ist der ideale Start für ein Gespräch
über Sexualität. Sagt jemand Nein, heisst dies meist:
‹Ich habe zwar Lust auf Sex, aber nicht so!› Hier
kann man einsetzen und die Sexualität weiterentwickeln.»
Wer eingeschnappt auf ein Nein reagiere, der sei erotisch
unterentwickelt.
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Tja. Was soll man dazu sagen? (Bild
Tanya Hasler)
Allerdings können «Problemgespräche»
Angst machen. Grundsätzlich sei es deshalb wichtig, nicht
erst bei Problemen über Sex zu sprechen, sondern schon
bevor diese auftauchen.
Das Geheimnis
Gerade unsere Generation wird ständig mit allen möglichen
Pornofilmen versorgt, und dort wird draufloskopuliert zu zweit
oder zu mehrt. Hat diese Flut unsere Zunge gelockert im Sex?
«Keineswegs», lautet die deutliche Antwort des
Therapeuten, «es hat ganz viel kaputt gemacht. Es macht
uns stumpf.»
Pornovideos würden vor allem ein Bild von der «immerbereiten
und immerwilligen Frau» verbreiten. «Solche Filme
sind von Männern für Männer gemacht. In unserem
Männerkopf sind sie Gift.» Natürlich stöhnten
die Frauen bei allen Praktiken unablässig, als ob sie
erregt wären. Stöhnen heisse aber wohl meistens
das Gegenteil von Lust. «Mir kommt das manchmal eher
wie Folter vor», sagt Heer. «Und so etwas zu Hause
nachzuahmen, ist dann mindestens häusliche Prostitution,
wenn nicht sexuelle Gewalt im heimischen Doppelbett.»
Wichtig: Nicht alles verraten
Sowieso glaubt Heer, dass gar nicht alle Wünsche ausgesprochen
werden sollten. Er zitiert dafür Max Frisch: «Erst
das Geheimnis, das ein Mann und ein Weib voreinander hüten,
macht sie zum Paar.» Wer Geheimnisse in sich trüge,
mache sich spannender, «davon profitiert auch der Sex.
Er wird jedes Mal neu erlebt, er bleibt immer ein Abenteuer.
Andererseits ist das erotische Reden unverzichtbar, wenn wir
nicht schon mit 30 im erotischen Pflegeheim landen wollen.»
Und wenn man weitermacht?
Stellt sich ein grosses Problem. Man weiss nicht wie machen.
Was muss ich als Mann konkret investieren, damit ich eine
Frau habe, die glücklich ist? Die meisten haben keine Ahnung.
Weil sie als Männer immer noch in der Steinzeit stecken?
Nicht nur. In Beziehungen provoziert man beim anderen oft
genau das,was man nichtmöchte. Die Frau wird so kompliziert
und verrätselt, der Mann so verschwiegen und verstopft, von
der Frau noch zusätzlich in die Enge getrieben von ihrer haltlosen
Überzeugung, ihr sei die Beziehungsfähigkeit in die Wiege
gelegt worden, während er ein Kommunikationstrottel sei. Diese
schiefe Grundidee zieht sich heute sogar durch die halbe Beratungsliteratur.
Tragisch. In Wirklichkeit sind die Frauen den Männern keinen
Millimeter voraus. Wenns klemmt, wissen die Frauen genauso
wenig, wie man jetzt investieren müsste.
Dafür hat man heute Paartherapeuten, oder nicht?
Ich komme Ihnen nichtmit Ratschlägen fürs neue Jahr. Wir sind
umgeben von einem Meer von Unwissen, sagte der Erkenntnisphilosoph
Karl Popper. Das stimmt hier haargenau, auch wenn wir heute
mit Informationen über Beziehung und Sexualität eingedeckt
sind wie nie zuvor. Was uns abhanden gekommen ist, ist der
Mut zur Beschränkung auf das menschliche Mass von du und ich,
auf den eigene nWeg als Paar.
Sie arbeiten seit über 30 Jahren als Paartherapeut.
Wird es immer schwieriger, gute Paarbeziehungen zu leben?
Wir wollen nicht jammern! Noch nie hat man so frei leben und
auch zusammenleben können wie wir heute. Wir engen uns ganz
selber ein. Zum Beispiel mit diesem gnadenlosen Zwang, leidenschaftlich
lieben zu müssen. Sexuelle Lustlosigkeit gilt als behandlungsbedürftige
Beziehungsstörung. Warum eigentlich? Und man will glücklich
werden, zufrieden sein reicht nicht. Vielleicht liegt unser
bescheidenes Glück dort verborgen, wo wir uns damit zufrieden
geben, zufrieden zu sein.
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