Nicolas Sarkozy und Carla
Bruni sind das Promi-Paar der Stunde. Wie sie ihre Love-Affair
zelebrieren, wirkt auch auf uns zurück, sagt der Paartherapeut
Klaus Heer.
Herr Heer, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie
die Bilder des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy mit
seiner neuen italienischen Flamme Carla Bruni sehen?
Klaus Heer: Mir kommt sofort der amerikanische Psychologe
David Buss in den Sinn, der vor einigen Jahren in einer grossen,
kulturübergreifenden Studie das menschliche Partnerwahlverhalten
in so genannten Love-Maps beschrieben hat. Geld und gesellschaftlicher
Status kommen sehr weit vorne, wenn Frauen aufzählen, was
sie an Männern anzieht – und zwar in allen Kulturen. Salopp
gesagt: Wirtschaftliche Macht und Prestige sind für Frauen
das Aphrodisiakum par excellence.
Während sich alternde Männer eine jüngere, schöne
Frau wünschen.
Genau. Im Idealfall ist die junge Schönheit laut Buss 24,8
Jahre alt, die Frauen sind in diesem Alter am fruchtbarsten.
Und wohin schaut ein Mann zuerst, wenn er einer Frau begegnet?
Auf ihre Körpermitte. Dort prüft er blitzschnell und unbemerkt
deren Gebärfreude: Wenn ihr Becken 30 Zentimeter weiter ist
als die Taille, fühlt er sich zünftig angezogen. Spannend
ist die Wirkung der Gesichter auf beide Geschlechter. Im Gesicht
der Frau sucht der Mann ein durchschnittliches Schönheitsideal,
während die Frau ein ausdrucksstarkes Männergesicht anzieht.
Der Mann liebt den Mainstream, die Frau das Aussergewöhnliche.
So gesehen sind Sarkozy und Bruni fast idealtypisch.
Gilt, was wir in Herrn Sarkozy und Frau Bruni sehen,
auch für unsereins?
Man kann darüber streiten, wie stark evolutionäre Programme
unser Verhalten im Informationszeitalter noch bestimmen. Das
Tückische ist aber, dass sie es tun, ohne dass wir es merken.
Ich glaube etwa, dass auch gut ausgebildete Frauen mit Vorliebe
einen Mann wählen mit sicherer Stelle und guten Perspektiven,
weil er Entscheidendes zu Nestbau und Nestpflege beitragen
kann. In unseren engsten Beziehungen sind wir vor steinzeitlichen
Reflexen nicht gefeit. Besonders dieMänner.
Dachte ich mir: die Männer! Immer noch in der Steinzeit,
immer noch Jäger und Sammler.
Gewiss. Als Mann hatman nicht die besten Karten,man ist latent
in der Defensive, ein wandelndes Synonym für das schlechte
Gewissen. Das hat damit zu tun, dass der Mann Mühe hat, seine
Säugetier-Grundausstattung weiterzuentwickeln, namentlich
in der Sexualität. Viele Frauen werden körperlich nicht geliebt,
sondern gebraucht, zur Befriedigung desMannes. In meiner täglichen
Arbeit sehe ich, dass sich das immer noch die meisten Frauen
bieten lassen. Kein Wunder, dass Paare ernsthafte Schwierigkeiten
bekommen.
Dann müssten Sarkozy und Bruni Kunden von Ihnen werden.
Er setzt seine neue Liebe dafür ein, von politischen Schwierigkeiten
abzulenken.
Mag sein. Aber Carla Bruni ist selber reich und erfolgreich
und wahrscheinlich eine Frau, mit deren solidem Selbstbewusstsein
wohl mancher Mann Schwierigkeiten hätte. Abgesehen davon:
Auch wenn es sich hier vermutlich um zwei narzisstisch voll
entwickelte Leute handelt, können sies gut haben zusammen.
Trotz des horrenden Arbeitspensums des Präsidenten. Ich kannmir
gut vorstellen, dass Sarkozy in seiner spärlichen Freizeit
nicht einfach müde ist – wie unsereins. Der ist voller Kraft
und Saft, ein Ausnahmetalent, wie Joschka Fischer.
Zurück zu den Normalmännern. Die bewegen sich schon,
etwa, wenn sie Väter werden. Sie kümmern sich häufiger um
ihre Partnerinnen und Kinder.
Es gibt Statistiken und politisch korrekte Einschätzungen,
die das suggerieren. Ich halte aber das Bild, das ich in meiner
Praxis sehe, für realistischer, denn da sitzen immer beide
Partner und korrigieren sich gegenseitig. Mein Fazit: Trotz
des tosenden Lärms um die Geschlechterfrage verändert sich
fast gar nichts, was die Beteiligung des Mannes an Familie
und Haushalt angeht. Wenn ich eine Frau wäre, ich würde keinem
Mann glauben, der beteuert, er werde sein Arbeitspensum auf
80 Prozent herunterschrauben, sobald Kinder da sind. Ich würde
ihn einen schriftlichen Vertrag unterzeichnen lassen.
Viele Prominente wechseln rasant ihre Partner. Beeinflusst
das den Rhythmus unseres eigenen Paarungsverhaltens?
Die Vorstellung, wie lange eine Beziehung halten soll, weicht
sich zweifellos langsam auf. Wennmächtige und prominente Leute,
scheinbar ohne mit der Wimper zu zucken, fleissig ihr intimes
Personal auswechseln, imponiert uns das schon. Die Skrupel,
es auch zu tun, werden kleiner. Nicht aber das private Desaster,
das daraus entsteht. |
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Amouröse Ausnahmetalente: Nicolas Sarkozy und Carla Bruni im ägyptischen Luxor.
Man gilt mitunter als Langweiler, wenn man nicht
ab und zu Partnerin oder Partner wechselt.
Das stimmt schon, wer sich trennt oder scheiden lässt, wird
nicht mehr diskriminiert. Aber es wäre ein Irrtum, zu glauben,
auseinanderzugehen sei eine Kleinigkeit. Wenn man länger mit
jemandem zusammen ist, wächst man zusammen. Die Trennung ist
ein Riss durchs ganze Leben, auch wirtschaftlich und sozial,
und enorm schmerzhaft. Selbst wenn sich ein Sarkozy Frau Bruni
als Luxusaccessoire leistet: Würde sie auf einmal zu Putin
wechseln, das ginge im präsidialen Inneren nicht schmerzfrei
ab.
Eine lange Beziehung erfordert aber aufreibende Arbeit.
In der schwachen Stunde der Verliebtheit haucht man sich tatsächlich
ins Ohr, man wolle unbedingt miteinander alt werden. Wüsste
man, was das bedeutet, man würde zu Tode erschrecken. Es ist
eine Tatsache: Langlebige Liebe ist eine Frage der Investitionskraft,
und ob der Return on Investment schnell oder nie kommt, weiss
man nicht. Oft resigniert man schnell. Zu schnell vielleicht.
Und wenn man weitermacht?
Stellt sich ein grosses Problem. Man weiss nicht wie machen.
Was muss ich als Mann konkret investieren, damit ich eine
Frau habe, die glücklich ist? Die meisten haben keine Ahnung.
Weil sie als Männer immer noch in der Steinzeit stecken?
Nicht nur. In Beziehungen provoziert man beim anderen oft
genau das,was man nichtmöchte. Die Frau wird so kompliziert
und verrätselt, der Mann so verschwiegen und verstopft, von
der Frau noch zusätzlich in die Enge getrieben von ihrer haltlosen
Überzeugung, ihr sei die Beziehungsfähigkeit in die Wiege
gelegt worden, während er ein Kommunikationstrottel sei. Diese
schiefe Grundidee zieht sich heute sogar durch die halbe Beratungsliteratur.
Tragisch. In Wirklichkeit sind die Frauen den Männern keinen
Millimeter voraus. Wenns klemmt, wissen die Frauen genauso
wenig, wie man jetzt investieren müsste.
Dafür hat man heute Paartherapeuten, oder nicht?
Ich komme Ihnen nichtmit Ratschlägen fürs neue Jahr. Wir sind
umgeben von einem Meer von Unwissen, sagte der Erkenntnisphilosoph
Karl Popper. Das stimmt hier haargenau, auch wenn wir heute
mit Informationen über Beziehung und Sexualität eingedeckt
sind wie nie zuvor. Was uns abhanden gekommen ist, ist der
Mut zur Beschränkung auf das menschliche Mass von du und ich,
auf den eigene nWeg als Paar.
Sie arbeiten seit über 30 Jahren als Paartherapeut.
Wird es immer schwieriger, gute Paarbeziehungen zu leben?
Wir wollen nicht jammern! Noch nie hat man so frei leben und
auch zusammenleben können wie wir heute. Wir engen uns ganz
selber ein. Zum Beispiel mit diesem gnadenlosen Zwang, leidenschaftlich
lieben zu müssen. Sexuelle Lustlosigkeit gilt als behandlungsbedürftige
Beziehungsstörung. Warum eigentlich? Und man will glücklich
werden, zufrieden sein reicht nicht. Vielleicht liegt unser
bescheidenes Glück dort verborgen, wo wir uns damit zufrieden
geben, zufrieden zu sein.
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