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Gestern habe ich wieder gestaunt. Da kommt ein gewöhnliches
Paar in meine Praxis. Kaum haben die
beiden Platz genommen, sagt der Mann, er möchte
liebend gern die Sexualität mit seiner Frau auffrischen.
Sie hättens zwar gut, ja sehr gut miteinander,
eigentlich in jeder Hinsicht; als Partner, als Elternpaar,
als Berufskollegen, eigentlich auch im Bett. Sie
seien jetzt 26 Jahre verheiratet und hätten immer
noch normalen Sex miteinander, mehr als einmal
pro Woche. Aber der Anstoss müsse immer von ihm
kommen, der letzte nasse Kuss liege mindestens
zwanzig Jahre zurück, eigentlich wolle seine Frau
nicht, dass er ihre nackten Brüste berühre. «Und
jetzt sehne ich mich danach, Liebe und Erotik in unserer
Ehe neu zu beleben.»
Was ihr Mann sage, stimme genau, meint die Frau.
Sie könne ihm beim besten Willen im Bett nicht geben,
was er brauche; sie habe es eigentlich nie gekonnt.
«Aber es kann doch nicht sein, dass die
ganzen 26 Jahre deswegen wertlos waren!»
DRUCK IM BETT. «Also gabs bei Ihnen zu Hause 26
Jahre lang häusliche Prostitution?», frage ich sie. Sie
bricht in Tränen aus und nickt fast unmerklich.
Meine Frage ist hart, die wortlose Antwort brutal unerwartet
für den Mann. Bis heute hat er nichts davon
gewusst. Genauer, er wollte bis heute nicht sehen,
was sich bei ihrem Sex abspielte, weil sie nicht zeigen
wollte, was bei ihr los war, weil er bis jetzt nicht
offen war für ihr Nein, weil sie selbst zurückschreckte
vor ihrem Nein, weil er es nicht hören
wollte, weil sie beide die Harmonie immer über alles
liebten. Die Harmonie hat einen hohen Preis.
Ich wundere mich. Das gibts wirklich im 21. Jahrhundert
bei uns im hochentwickelten Westeuropa, zwischen gebildeten Menschen mit einem sonst hellwachen
Bewusstsein: In unseren Doppelbetten ist
der Druck so allgegenwärtig und unsichtbar wie der
Feinstaub in der Luft. Es sind nur noch selten die
Männer, die auf die sexuelle Grundversorgung in ihrer
Ehe pochen wie ihre männlichen Vorfahren. Seit
ein paar Jahren haben sie geschnallt, dass auch
sanfte Gewaltanwendung wie Übellaunigkeit, Liebesboykott
und Budgetkürzung die Intimität in ihrer
Beziehung eher killt als zum Blühen bringt. Heute
kann man also kaum mehr jemandem einseitig die
Verantwortung für die erotische Misslichkeit zuschieben.
Was jetzt die Lust erstickt, ist der Druck von innen.
Beim Mann und fast noch deutlicher bei der Frau:
Beide müssen. Wenn man sich liebt, muss man. Man
muss wollen. Und zwar wenn immer möglich muss
man spontan wollen, sonst stimmt was nicht. Beide
müssen das Gleiche wollen, müssen gleichzeitig scharf sein – von selbst. Angeblich ist es die Liebe,
die das fleischliche Wunder automatisch zustande
bringt; die Liebe, das ist die Harmonie der Sehnsüchte,
der Einklang der Gefühle.
Im Namen dieser Liebe muss man erregt sein, zumindest
erregbar; beide müssen unbedingt und regelmässig
einen Koitus schaffen, nur das zählt; «befriedigen
» muss man einander auch, wenn immer
möglich; der Orgasmuss ist, wie der Name sagt,
Pflicht. «Befriedigende» Sexualität gilt fraglos als tragender
Pfeiler in der Beziehung, ja sogar als deren
Eckpfeiler; sie gehört unbedingt dazu. Sagen hauptsächlich
die vielen Paare, denen der Sex abhanden
gekommen ist.
DIAGNOSE LUSTSCHWÄCHE. Die Weltgesund- heitsorganisation
(WHO) geht noch einen mächtigen
Schritt weiter. In ihrer Sammlung aller (kassenpflichtigen)
psychischen Störungen, genannt ICD-10,
führt sie unter dem Punkt F52.0 den Befund «Mangel
oder Verlust von sexuellem Verlangen». Damit ist
es offiziell beglaubigt: Lustschwäche darf nicht sein,
sie ist krank. Vielmehr, ich bin krank, mein Partner
sowieso! Und unsere Ehe serbelt dahin.
Es könnte gut sein, dass wir Westmenschen uns als
erste Kultur seit der Erfindung des Zungenkusses
den Luxus leisten, unsere festen Beziehungen auf
das Fundament von Erotik und Sexualität zu stellen. Dass unsere Ehen damit auf Triebsand und Illusionswolken
gebaut sind und der Eros-Erosion nur kurz
standhalten können, ist offensichtlich. Nur die betroffenen
Paare selbst wollen es nicht wahrhaben.
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Sie jammern alle.
Unisono vorjammern, das tun die Medien gern, sie
beklagen die Geissel der Lustlosigkeit in den heimischen
vier Wänden. Mit ihrem Jammer suggerieren
sie den Paaren, dass sie daneben, gestört und problembeladen
sind. Meist mit überzeugender Unterstützung
der Fachleute, der Berater und Therapeutinnen
von «Zweierbeziehungen». Besonders scharf
sind fast alle Journalisten auf konkrete Ratschläge,
wie Paare am einfachsten aus ihrer Bettbaisse herauskommen
könnten.
Ich stelle überrascht fest: Je länger ich in meinem
Beruf arbeite, desto schwerer tu ich mich mit derlei
Tipps. Und mit dem Mitmachen beim allgemeinen
Unlust-Wehklagen ebenso. Nicht weil ich alt werde
und mir nichts mehr einfiele. Vielmehr fällt mir da
eines immer deutlicher auf und gibt mir immer mehr
zu denken: Die Paare – gewöhnlich einer von beiden
– klagen über ihre chronische Bettflaute, oft sogar
unter Tränen. Zu dritt fahnden wir dann nach zugeschütteten
Bedürfnissen, nach brachliegenden erotischen
Ressourcen und nach ausbaubaren emotionalen
Berührungspunkten. Fast immer werden wir fündig,
sodass die beiden zuversichtlich nach Hause gehen
mit zwei, drei Aufträgen, die sie sich selbst gegeben
und als realisierbar eingeschätzt haben.
Zum Beispiel wollen sie spätabends noch zusammenschlüpfen,
um sich ein paar Minuten warm und
weich in der liebenswürdigen Löffelstellung aneinander- zuschmiegen.
Als erster Schritt in Richtung
mehr Wärme, vielleicht sogar etwas Hitze, wer weiss. Oder sie vereinbaren, einander ein erotisches
Buch vorzulesen, etwa Anaïs Nins «Delta der Venus».
Doch Himmel nochmal! Wenn die zwei fünf Wochen
später wieder da sind, erklären sie mir mit achselzuckender
Offenheit, es sei «so viel los» gewesen,
dass sie nur gerade ein einziges Mal hätten kuscheln
oder vorlesen «können»! Einen weiteren Monat später
ists wieder ganz ähnlich, obwohl wir die Alltagstauglichkeit
der Vereinbarung neuerlich sorgfältig
geklärt haben. Ich staune immer wieder neu. Ich verstehs
je länger je weniger: Sie klagen alle und tun
nichts! Wer ein wichtiges Anliegen hat, investiert
doch, bis der Wunsch in Erfüllung geht! Je wichtiger
der Wunsch, umso höher die Investitionsbereitschaft,
oder? Klar!
Nicht so hier! Die meisten Paare, vermute ich, brauchen
die körperliche Liebe nicht. Eigentlich leben sie
besser ohne. Viel lieber mit Nordish Walking und
Wellness, mit Digitalfernsehen und Sonntagsbrunch
(mit Nachbarn) und mit anderen Lustbarkeiten, durchaus auch zu zweit. Was sie einzig drückt, ist
die fixe Idee, sie müssten «normal» sein, «normal»
Lust haben. Wenn Sex und Leidenschaft fehlen, sei
die Beziehung so gut wie aus- und abgebrannt.
Womöglich bereits scheidungsreif.
Ich kann nur staunen. Sie haben es «sonst» gut bis
sehr gut miteinander, pflegen eine liebende und solidarische
Freundschaft und sind hingebungsvolle Eltern
von gefreuten Kindern; aber seltsamerweise
plagen sie sich selbst und gegenseitig mit schlechtem
Gewissen und Versagergefühlen. Genau das ruiniert
schliesslich ihre Ehe. Ein Jammer ists!
HÄUSLICHE STALLWÄRME. Aber jammern will ich ja
nicht. Ein Jahresumsatz von rund 135 Milliarden
Dollar im weltweiten Pornogeschäft – die Prostitution
nicht eingerechnet – sorgt dafür, dass zumindest
die Männer nicht darben müssen. Solo masturbieren
oder mit Hilfe einer Sexarbeiterin schafft
ganz einfach und zügig Lust und «Befriedigung». In
einer gestandenen Beziehung ist das, ach, viel komplizierter,
viel aufwendiger, viel heikler! Häufig eben
gar nicht erreichbar.
Na und? Genau genommen und ehrlich gesagt liegen
uns doch Gottschalk, Golf und Harmonie mehr
am Herzen als diese strapaziöse «Lust» im Doppelbett.
Speziell die Beziehungsharmonie ist uns heilig.
Zu Recht! Wer will denn zu Hause dauernd in Zoff
und Guerilla leben? Häusliche Stallwärme ist wirklich
ein köstliches Gut. Nur ist die Harmonie nicht
gratis und selten kompatibel mit Aufregung im Bett.
Viele Paare scheinen das zu spüren, auch wenn sie
es nicht wahrhaben wollen. So ist denn das Einzige,
was sie lustvoll tun – jammern. |