| Männer müssen sich
viel anhören. In ihren Ehen und Zweierkisten beziehen
sie tatsächlich viel Schelte, sehr viel. Eigentlich immer
mehr, wenn ichs mir recht überlege. Sie sind immer weniger
so, wie ihre Frauen sie haben möchten.
Ich will nicht jammern. Nur unaufgeregt feststellen: In
den 34 Jahren, die ich in meinem Beruf arbeite, ist die Mängelliste
eindeutig länger geworden und schwerwiegender. Klar gabs
schon 1974 jede Menge «Szenen einer Ehe»; der
Bergman-Film über die Liebes- und Hass-Abgründe
zwischen Mann und Frau hätte ja sonst damals nicht derart
eingeschlagen.
Aber in der Zwischenzeit sehe ich immer mehr Frauen, die am
Ende sind. Enttäuscht, müde, resigniert, beinah
bitter. Sie strengen sich jahrelang an, ihren Mann wieder
zu dem Menschen zu machen, der er einst als Verliebter war.
Nämlich wach und aufmerksam, zärtlich und behutsam,
fantasievoll und liebeserfinderisch, redselig und ganz Ohr
für sie, pünktlich und zuverlässig. –
Es geht nicht.
Im Gegenteil. Der Mann wird immer mehr so, wie er nicht
sein sollte. Und so, wie er auch sich selbst nicht mehr gefällt:
Er verkriecht sich, verstummt, wird bockig und aggressiv,
penetrant hilflos – was ihm seine Frau dann umso mehr
vorwirft, weil er sie noch mehr enttäuscht – was
ihn natürlich noch unmöglicher macht.
Derlei Unglücksspiralen mehren sich in den letzten Jahren.
Ich bin zwar kein kulturkritischer Soziologe, aber mir kommt
es so vor, als hätte sich das gesellschaftliche Bühnenbild
in den letzten Jahrzehnten auffällig verändert,
Schlag auf Schlag. Stimmrecht für die Frau, neues Ehe-
und Scheidungsrecht zum Beispiel. Männerdomänen
und überkommene männliche Privilegien schrumpfen.
Eheliche Handgreiflichkeiten sind jüngst zum Offizialdelikt
geworden, also auch gefährlich für den, der ausrastet.
Die Schwelle zur Scheidung ist niedriger denn je, also gibt
es immer mehr zerbrochene Familien, die sich zu neuen Flickenmustern
zusammensetzen. Und immer mehr Singles, die fast alle nach
neuen Paarungsmöglichkeiten suchen. Bevor sich überhaupt
die Frage erheben kann, was aus dem zurückliegenden Scheitern
zu lernen gewesen wäre.
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Und noch etwas ist neu: Computer und Internet. Beides eigentlich
typische Männer-Spielplattformen. Zum Beispiel für
Männersex. Mit fast einer halben Milliarde Pornosites
sollen jährlich runde 140 Milliarden Franken verdient
werden. Diese Seiten sind für jedermann jederzeit zugänglich,
sie werden auch epidemisch angeklickt. Das hat es noch nie
gegeben.
Derweil lassen viele, viele Paare ihren Beischlaf einschlafen,
wenn nicht gar entschlafen. Bei den Ehepartnern über
vierzig läuft kaum noch etwas Unkeusches. Sagen neue
Grossuntersuchungen.
Warum das? Vielen Frauen fällt auch auf diese Frage
nichts ein als Vorwürfe an ihre Männer. Und diese
sind unfähig, aus den Anklagen ihrer Frau deren Klagen
herauszuhören. Sie vernehmen nur Vorwürfe, verschanzen
sich, wollen nichts mehr hören, schweigen sich aus. Damit
verpassen sie die Chance zu erfahren, wonach sie sich sehnt.
Sie wissen nichts und lernen nichts dazu. Die Frau bleibt
ihnen verrätselt. Bis zur Scheidung. Oder schlimmer:
bis ins Pflegeheim.
Unter dem Strich ist das Beziehungsgeschäft für
die Männer kniffliger geworden. Richtungsweisende Lehrpläne
und Handbücher gibt es keine; an Gelegenheiten, nahezu
alles falsch zu machen, fehlt es je länger, je weniger.
Und die Frauen sind meistens weit davon entfernt, es ihren
Männern leichter zu machen. Viele von ihnen sind zu Beginn
des 21. Jahrhunderts viel selbstbewusster, aber auch viel
selbstgerechter. Beides wahrlich kein Schleck für den
Mann!
Ups, jetzt bin ich doch ins Gejammer abgerutscht! Ja, manchmal
packt mich sogar ein richtiger heiliger Zorn! Warum zum Teufel
sind diese Männer nicht Manns genug, wenigstens einmal
in ihrem Leben ihre Frau an der Hand zu nehmen: «Komm,
setz dich bitte! Jetzt sag mir mal: Wie beschwerlich ist das
eigentlich für dich, mit mir zu leben? Ich will es jetzt
endlich wissen!»
Männer haben keine Ahnung, wie viel es da zu lernen gäbe!
Und wie dabei das Herz ihrer Liebsten aufginge.
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